Heute hat sich der Tellerwäscher richtig was gegönnt: gefüllte Paprikaschoten mit Kartoffelpüree. Da es ihm seine Oma nicht mehr kocht, wollte er es selbst probieren. Und jeder andere, der es bislang versuchte, kam nie an diese alte Kochschule heran. Mit seinem Menü war er schon ganz zufrieden, obwohl er weiß, dass er noch ein bisschen Übung braucht.
Aber nach so einem Festessen will er beim Abspülen nicht einfach wieder die Gülle aus dem Radio hören wie die letzten paar Mal. Und außerdem läuft im Fernsehen ein Film über Karl Valentin und Liesl Karlstadt, deren Humor er über alles liebt. Er lässt also den Fernseher laufen, während er sich ans Abspülen macht. Aber seine Gedanken schweifen sofort ab, weil er wieder über sein Lieblingszitat von Karl Valentin sinniert: „Kunst kommt von können nicht von wollen, sonst würde es ja Wunst heißen.“ Und er muss über sich selbst schmunzeln, weil er wieder an die erste Begegnung mit diesem Satz denkt. Er hatte ihn als Nonsens abgetan. Aber als er später erfuhr, dass Kunst wirklich von „können“ kommt, wurde es zu seinem Lieblingszitat.
Dieser Satz fiel ihm vor kurzem auch wieder bei einem Poetry Slam ein. „Gut ist etwas anderes“ hat er sich gedacht, während die Slamer auf der Bühne ihre Werke vortrugen. Die Erste las eine Kurzgeschichte vor, der andere gab Fetzen seiner Raps zum Besten, einer erzählte davon, wie er sein erstes Werk für einen Poetry Slam schreibt… Dem musste er aber auch zugute halten, dass er selbst in seinem Stück sagte, dass es überhaupt gar nicht geht, über das Entstehen eines Gedichts, oder was auch immer, zu erzählen. Trotzdem änderte er es für den Tellerwäscher nichts an der Tatsache. Mindestens genauso schlimm fand er, dass ein verkannter Hip Hopper davon „slamte“, dass er keinen Bock auf Schule hat, sondern lieber die ganze Zeit Musik machen würde. „Okay Musik ist was Schönes und ich würde auch liebend gern meine ganze Zeit damit verbringen. Aber es geht halt nicht anders. Soll er halt die Schule hinschmeißen und nur noch rappen. Spätestens nach nem halben Jahr sitzt er sowieso wieder auf der Schulbank, weil sein Gepose sowieso keiner hören will“, meinte der Tellerwäscher schon leicht wütend zu seinem Nachbarn beim Poetry Slam. Beim Letzten verlor er dann schon fast die Fassung, aber er fand es auch schon wieder ein bisschen lustig. Der Typ kommt mit seiner augenscheinlichen Freundin an und erzählt davon, wie ihn Frauen nicht an ihre „Pussy“ lassen.
„Und für wen soll ich jetzt klatschen?“, fragt sich der Tellerwäscher, da per Applaus abgestimmt wird, wer der Gewinner des Abends ist. Er entscheidet sich für denjenigen, bei dem er nicht kappiert hat, worum’s geht, weil er es für ihn immer noch besser ist als die Sachen, die er verstanden hat. Und er fragt sich, was das ganze Poetry Slam-Zeug überhaupt soll. Für ihn ist das Comedy, sind das Kurzgeschichten, Gedichte, Raps und Dinge, die es vorher auch schon gab. Dafür braucht man keinen Poetry Slam. Vielleicht aber um sich selbst und seine Werke zu präsentieren, weil man es sonst nirgends anders machen kann. „Wie kann man sonst bloß auf die Idee kommen als Russe mit französischem Akzent aufzutreten? Okay, an und für sich ist der Gedanke nicht schlecht.“, denkt sich der Tellerwäscher. Und er kann sich sogar noch so ungefähr an den Inhalt des Slams erinnern: „Ich sitze in einem Café und trinke von meinem Kaffee. Auf einmal geht ein hübsches Mädchen vorbei. Ich frage mich: Soll ich sie ansprechen?“ Und so ging es weiter. „Das kann man doch auch als Kurzgeschichte veröffentlichen, wenn er schon alles vom Blatt abliest“, meint er, auch wenn es für ihn mehr einer Erlebniserzählung gleicht.
Sein Lieblingssketch von Karl Valentin mit der Zither holt ihn schlussendlich wieder zurück zu seinem Abwasch. „Schade nur der Anfang!“, stellt der Tellerwäscher leicht enttäuscht fest. Aber dabei fällt ihm wieder ein, dass es auch ein paar gute Slamer gibt. Justus Fischer beispielsweise. Und da findet er den Begriff Poety Slam auch zutreffend, weil es bei ihm wirklich eine eigene Kunstform ist. „Trotzdem gibt es zu viel Wunst auf der dieser Welt und leider auch zu viele Menschen, denen Wunst gefällt“, hält er resigniert fest. Und wann immer er auf irgendwelchen „Contests“ war, hat deshalb in seinen Augen einer der schlechtesten gewonnen – ob es jetzt um Musik oder irgendwelche Art von Kunst ging.
„Ja, ich hab in meinem Leben schon zu viel Wunst gehört“, wiederholt der Tellerwäscher und entschließt sich fast dazu, nie mehr auf irgendwelche „Amateur“-Veranstaltung zu gehen. „Aber ein Act von hundert ist trotzdem gut. Und außerdem kann es dir ja immer passieren.“ So wie auf der letzten Elektro-Trash-Party mit Live-Act. Da standen doch wirklich vier Jungs auf der Bühne, die denken, weil es Trash heißt, darf man wirklich alles machen. In den Ohren des Tellerwäschers hörte es sich an wie vier Siebtklässler, die ihre erste Band gründen, ohne einen Song zu haben. Man haut einfach mal in die Instrumente und schreit ins Mikro und schaut, was dabei rauskommt. „Das ist kein Trash, das ist Müll“, meinte die Begleitung des Tellerwäschers und hatte wahrscheinlich damit Recht.
Aber jetzt versucht sich der Tellerwäscher endgültig auf seinen Abwasch und den Valentin-Film zu konzentrieren, weil er beides ziemlich vernachlässigt hat. Außerdem wollte er sich ja einen schönen Abwasch nach dem guten Essen gönnen. Deshalb lauscht er Karl Valentin und Liesl Karlstadt. Aber er merkt, dass der Film nicht so wirklich prickelnd ist. Aber die große Kunst, die Valentin gemacht, kann ihm keiner nehmen. „Valentin nicht Walentin“ berichtigt Valentin den Anmoderator in „Der Zithervirtuose“. „Es heißt ja auch nicht: Sie haben einen Wogel, sondern Sie haben einen Vogel. Bei Villa ist das was anderes.“ Wenn das nicht wahre Kunst ist?