Der Tellerwäscher hat einen Fernseher geschenkt bekommen: einen kleinen, mit Röhre und fehlender Fernbedienung. Eigentlich wollte er ihn nicht, er sieht ja ohnehin nicht fern. Aber als er bemerkte, wie alt und klein er ist, hat er ihn trotzdem genommen. “Ab und an abends einschalten, um Nachrichten oder Reportagen zu schauen, dagegen ist nichts zu sagen”, denkt er.

Es ist der 19. April. Der Tellerwäscher schruppt die Auflaufform seines Brokkoli-Gratins. Aus seinem Zimmer tönt leise Musik vom Fernseher. Es ist der Jahrestag von Kurt Cobains Tod. Darum laufen in einem Special nochmals die alten Hits.

“All in all is all we are…”

“MTV Unplugged in New York: Das Vermächtnis des Toten, stets Traurigen und Unzufriedenen.” Das geht durch seinen Kopf. So wie Kurt wollte damals jeder Alternative sein mit einer gesunden Portion Skepsis dem Leben und den Menschen im Allgemeinen gegenüber.

Heute zählt das immer noch: Die Trauer von The XX, die Müdigkeit von James Blake, der Liebeskummer von Bon Iver, die Kapitalismuskritik von Ja, Panik.

“Wider den Hedonismus!”, sagt sich auch der Tellerwäscher. Strandurlaube sind für ihn deshalb tabu, Fußball ebenso und Großraumdissen sowieso.

Es klingelt an der Tür.

Er lässt die Auflaufform ins Becken fallen, trocknet sich schnell die Hände ab und läuft völlig verstört durch die Wohnung. Er packt den “Stern” weg, schaltet den Fernseher aus und öffnet die Tür.

January 28, 2013 Comments (0)

Der Tellerwäscher sitzt in der S-Bahn, blickt aus dem Fenster und sieht den ersten Schnee des Jahres. Er beginnt zu pfeifen, dann zu summen “M-hm, m-hm, m-hm-hm-hm…”, während er weiter vor sich hinstarrt. Nur vereinzelt sitzen Leute in der Bahn, die seine Aufmerksamkeit auf sich ziehen könnten.

„Thun-der… Thun-der“, dröhnt es in seinem Rücken, recht dumpf, aber doch deutlich wahrnehmbar. „Thun-der… I was caught in the middle of a railroad track… Thun-der”

Die sensiblen Ohren des Tellerwäschers lauschen und stellen schnell fest, dass hier entweder die Trommelfelle seines Hintermanns stark strapaziert werden oder die Kopfhörer von den Machern gezielt zur Störung der Sitznachbarn konstruiert wurden. Ein kurzer Blick nach hinten identifiziert In-Ears, dessen Entwicklung schon einiges an Können verlangt, um sie zur Beschallung des Umfelds einzusetzen.

Der Blick des Hintermanns ist ausdruckslos. Der Tellerwäscher geht deshalb davon aus, dass er nicht weiß, dass er in diesem Moment DJ für das halbe Zug-Abteil ist.  Ein beschämter Blick zu Boden wäre für ihn die einzig richtige Reaktion auf den Konsum von AC/DC.

„Thun-der!“

Der Tellerwäscher versucht lange vergeblich, seine Gedanken auf etwas anderes als die Musik zu lenken. Die kreischende Stimme auf den immer gleichen Gitarren-Powerchords kann er erst ausblenden, als ihm ein Interview einfällt, das er vor einigen Jahren gelesen hat. Angus Young, der Gitarrist von AC/DC im albernen Schuluniform-Kostüm, wird gefragt: „Wie kann man eigentlich mit drei Gitarren-Riffs seit über 30 Jahren immer wieder neue Songs schreiben?“ Die Antwort bleibt Angus Young schuldig, da er das Interview beendet.

Mit einem Schmunzeln im Gesicht kehrt der Tellerwäscher zum Schnee im Fenster zurück. Er denkt an die Zeiten, als er noch Zeit zum Kochen und Abspülen hatte und wie gut es ihm tat. Jetzt scheint das Leben vielmehr an ihm vorbeizurauschen. Aber er gelobt Besserung und beginnt wieder zu summen. „M-hm, m-hm, m-hm-hm-hm… for the times they are a-changin. Thun-der”.

November 11, 2012 Comments (0)

Das Jahr geht zu Ende und der Tellerwäscher zieht Bilanz. Lange hat er nicht mehr abgewaschen. Er hat sich’s erspart, weil er in letzter Zeit nicht mehr zum Kochen kam. Und er denkt über die letzten Monate, das vergangene Jahr nach, während er am Spülbecken steht und sich noch über seine leckere Pasta freut.

Gerade eben hat er wieder auf Spiegel Online geschaut, um die Gedanken von Jan Wigger über aktuelle Musik zu erforschen. Ganz überrascht war er von seiner Rezensenten-Hass-Liebe, dass er schon Jahresbilanz in Form der besten Alben des Jahres zieht. Und das hat ihn auch irgendwie in Stimmung gebracht, die Zeit Revue passieren zu lassen.

Die große Überraschung für den Tellerwäscher: Pearl Jams „Backspacer“ ist in Jan Wiggers Platten des Jahres. Anscheinend können es die einstigen Lieblinge des Tellerwäschers immer noch. Auch wenn er sie schon abgeschrieben hatte, die letzte Platte hat ihm trotzdem noch ein paar schöne Momente beschert. Und er gibt Jan Wigger vollkommen Recht, wenn er meint, dass es die wahrscheinlich beste Platte seit „Yield“ ist. Über den Musikexpress-Rezensenten hat er sich dagegen echauffiert, als er beim Erscheinen meinte, dass Pearl Jam seit „Vs.“ keine gute Platte mehr gemacht hätte: „Wenn einer eine Band nicht versteht, sollte er ihre Platten nicht verurteilen,“ verteidigt er seine alten Idole immer noch.

Die Erkenntnis Nummer 1 des Jahres ist also: Pearl Jam ist noch nicht so schlecht, wie er befürchtet hatte.

Erkenntnis Nummer 2: Folk ist die neue Lieblingsmusik des Tellerwäschers. Er versteht endlich Bob Dylan, auch wenn der jetzt eine Weihnachtsalbum veröffentlicht und der Tellerwäscher ein Weihnachtshasser ist. „Barababa bam ….“

Bob Dylan - Littel Drummer Boy

Bob Dylan - Littel Drummer Boy

Und Erkenntnis Nummer 3: Österreicherinnen sind interessanter, als er immer dachte.

Natürlich hat der Tellerwäscher noch viele andere Sachen gelernt, die diese Abhandlung ausspart. Und natürlich hat der Tellerwäscher auch Vorsätze für das nächste Jahr, auch wenn er es gegenüber niemandem zugeben würde.

Also Vorsatz 1: Wieder mehr Kochen, was er in der letzten Zeit zu gerne vernachlässigt hat.

Vorsatz 2: Seinem semi-deflorierten Kumpel zum vollständigen Durchbruch verhelfen.

Und Vorsatz 3: Die Popwelt erobern. Nachdem der King of Pop tot ist, ist der Thron neu zu besetzen.

In diesem Sinne:

See the dishwasher on the other side!

December 17, 2009 Comments (1)

Er hält den Alubecher in der Hand, der noch übrig ist. Er gießt ein bisschen Wasser aus dem Kanister drüber und beginnt zu singen:

„What a life I lead in the summer
What a life I lead in the spring
What a life I lead in the winded breeze
What a life I lead in the spring“

Ganz unverhofft kommt dieser Song seit eingigen Wochen immer wieder aus dem Mund des Tellerwäschers. Aber immer wenn er nach draußen geht, frische Luft atmet und die Sonne sein Gesicht streift. Deshalb bedeutet dieser Song für den Tellerwäscher mittlerweile, die Natur zu erleben. Und jetzt steht er hier am Ufer eines Bachs mitten in einem Wald und wäscht das Camping-Geschirr, dass er und seine Reisetruppe vorhin beim Essen benutzt haben. „So fühlt sich Leben an“, denkt sich der Tellerwäscher und atmet tief ein und langsam wieder aus.
Und die Fleet Foxes waren mit diesem Song sein Begleiter in den vergangenen Monaten. Sie haben ihm das Leben und seine Umwelt wieder nähergebracht. Die Fleet Foxes, die ihm in ihrer jungen und zum Teil naiven Natürlichkeit so viel Freude bereitet haben. Und diese Natürlichkeit ging ihm so lange abhanden. Er musste wieder ins Gleichgewicht kommen und jetzt steht er hier im Wald.

„What a life I lead when the sun breaks free
As a giant torn from the clouds
What a life indeed when that ancient seed
Is a berry watered and plowed“

Singt der Tellerwäscher weiter, gedankenversunken mit einem wohligen Gefühl und mit keiner Angst, dass auch mal der Winter wieder kommt. „Komm, Feuerholz sammeln!“, ruft eine Stimme und holt ihn zurück in die reale Welt. Er stellt den Alubecher ab und macht sich weiter an die Arbeit.

July 6, 2009 Comments (0)

„Standing in the way of control
Live your lives
By the only way that you know“

Dröhnt’s aus dem Radio. Die Sender haben The Gossip bzw. vielmehr ihre Sängerin Beth Ditto entdeckt. Die Frau, die gewissermaßen Pete Doherty abgelöst hat. „Legt doch mal über!“

Der Tellerwäscher spült ab und hat das Bild von der Gossip-Sängerin vor Augen. „Das neue It-Girl“, sagt er und verdreht die Augen. Seine „political correctness“ hat er mittlerweile auch verloren. Deshalb ist für ihn nur eine recht dicke Sängerin, die sich nicht sonderlich gut kleidet und seiner Meinung nach besser keine neuen Modetrends setzen sollte, im Gegensatz zu vielen „namhaften“ Medien, die das immer wieder meinen. Und gleichzeitig treten sie das Leben unserer Beth Ditto breit. Gerne wird immer wieder erwähnt, dass sie lesbisch ist. Dabei merken die Autoren gerne auch an, dass sie mit einem transsexuellen Mann zusammen ist, was ja eigentlich bedeutet, dass sie nicht rein lesbisch ist. „Legt doch mal über!“

Und während der Tellerwäscher so weiter die Teller schruppt, wandert Beth Ditto tanzend und schreiend weiter in seine Gedanken umher. „Kate Moss, die hat das alles geplant!“ Der Tellerwäscher hat das verbindende Glied zwischen Pete Doherty und Beth Ditto gefunden. Petes Ex-Freundin und Beth Dittos neue Freundin. „Aber was hat sie damit beabsichtigt?“ Der Tellerwäscher geht die Möglichkeiten durch: Sie wollten neue Mode-Trends setzen, weil sie immer in üblen Klamotten bei Modeschauen rumlaufen musste. Sie ist ein großer Musikfreund und wollte guter Musik zum Durchbruch verhelfen, was aber bislang bei keinem geklappt hat. „Hm, beides könnte sein, ist aber ziemlich unwahrscheinlich! Legt doch mal über!“

„Aber es könnte schon sein, dass Kate Moss die Journalisten ein bisschen was steckt, damit die über die jeweilige Person berichten. Oder dass sie zu ihnen meint, das wird das nächste große Ding.“ Den Tellerwäscher lassen die Verschwörungstheorien über Kate Moss einfach nicht los. Und die am unspanndste Variante will er nicht glauben: dass Kate Moss einfach nur cool sein will und sich deshalb mit in ihren Augen coolen Leuten umgibt. „Aber leg doch noch mal über!“Aber ihm fällt keine andere Theorie mehr ein, die noch eher der Wirklichkeit entsprechen könnte.

Als Hintergrundinformation für den interessierten Leser: „Leg doch mal über“ hat sich der Tellerwäscher seit kurzem angewöhnt, um „überlegen“ die gleichen Rechte wie all den anderen zusammengesetzten Verben zu geben, die sich teilen lassen. Denkt da mal drüber nach!

Der Tellerwäscher hat sich verliebt – in die Österreicherinnen. Er hat sich fest vorgenommen, dass seine nächste Freundin aus Österreich kommen soll. Es hat in völlig unverhofft getroffen. Er ist bei jemand zu Besuch und auf einmal kommen zwei Österreicherinnen vorbei. Sie beginnen zu reden und er weiß, dass er sich sofort in das Liebliche in diesem Dialekt verlieben könnte, weil sie so viel Charakter in die sonst immer mehr glatt gebügelte deutsche Sprache bringen. „Ja etz bin e a wirkle gestan beim Fußbaispui gwäsn und da Schiedsrichta hots einfach ned gsähn“, meinte die eine. Und er ist dabei so von sich selbst überrascht, weil er eigentlich kein so großer Österreicher-Freund war, was vor allem an solchen Typen wie Andreas Goldgeber lag, die in seiner Kindheit deutschen Skispringern die Goldmedaille klauten. Aber das scheint er jetzt für immer hinter sich gelassen zu haben.

Etwas, das er bislang von Österreich auch noch nicht kannte, läuft gerade im Radio. „Soap & Skin“ mit „Spiracle“. Die Österreicher Anja Plaschg, Tochter eines steirischen Schweinzüchters, verarbeitet ihr Leben mit dem allgegenwertigen Tod, auf Englisch und in zutiefst trauriger Musik. Genau das, was Jan Wigger mag. „Den wollte ich schon immer mal kennen lernen“, denkt sich der Tellerwäscher und beschließt gleich sein MySpace-Profil zu korrigieren. Jan Wigger ist freier Musikjournalist und schreibt auch für Spiegel Online in der Rubrik „Die wichtigsten CDs der Woche“. Ein Auszug aus der Rezension zum Debüt-Album von Soap & Skin „Lovetune For Vacuum“:

„… Das Debüt-Album von Soap & Skin dagegen ist gerade für Schmerzpatienten ein Ratgeber in allen Lebenslagen: Immer wieder werden auf dem verzauberten, wohltemperierten Klavier die Herbsttöne angeschlagen, immer wieder erzittert man: “When I was a child/ Peers pushed me hard in my head/ In my neck/ In my chest/ In my waist/ In my butt.” (“Spiracle”). Kein Lichtschalter, nirgends. Und die Pulsadern öffnen sich von ganz allein. …“ (Spiegel Online vom 03.03.2009)

Er fragt sich, wer diese Person denn sein kann. Jedoch Woche liest der Tellerwäscher die Plattenrezensionen auf Spiegel Online und nach dem Grad der Melancholie einer Platte scheint Herr Wigger in letzter Zeit immer mehr seine Punkte zu vergeben. Und es sieht so aus, als ob er immer weiter abzudriften droht. Mittlerweile ist er auch schon ein Fan von Black Metal, was seine Begeisterung für Wolves In The Throne Room widerspiegelt, die ganz unverhofft in den Platten des Jahres bei Spiegel Online auftauchten, obwohl die ansonsten für Indie-Platten reserviert sind. Der Tellerwäscher stellt sich deswegen einen langhaarigen Nerd mit Nickelbrille vor, der Angst vor Sonne hat. Aber auch andere machen sich in Internet-Foren Gedanken darüber, wer denn dieser Jan Wigger sein könnte.

„Anywho…“, meint der Tellerwäscher und macht sich lieber wieder an seinen Abwasch. Dabei fällt ihm ein, dass ja neben den Österreichern auch die Schweizer anscheinend auf einmal gute Musik machen können. Sophie Hunger läuft dem Tellerwäscher ganz unverhofft im Vorprogramm von Camille über den Weg, die ihm auf diese Weise einen Ohrwurm für mehrere Wochen beschert. „Das war ja wieder auch so was von klar, dass das an diesem Abend passieren musste“, realisiert er in diesem Moment. „Pour’que l’amour me quitte“ von Camille war bis vor rund zwei Jahren sein Ohrwurm, der den Tellerwäscher aber danach immer noch nicht ganz verlassen hat, weil er den Song irgendwie immer wieder auf dem Klavier spielen musste. Aber jetzt spielt er den Song nicht mehr, weil ihn „Walzer für Niemand“ von Sophie Hunger ersetzt hat. Und genau an diesem Abend meldet sich eine Person beim Tellerwäscher, von der er schon lange nichts mehr gehört hat und vielleicht auch nicht wollte. „Wer sollte da nicht glauben, dass Musik irgendwie alles verbindet!“

Und ein paar Wochen später steht auf einmal eine gute Freundin von Sophie Hunger auf der Bühne: Evelinn Trouble, die die neue Hoffnung am Schweizer Pophimmel (!!!) sein soll. Aber in den Schweizer Dialekt will sich der Tellerwäscher doch dann trotzdem nicht so recht verlieben, obwohl die Evelinn doch schon Eindruck auf ihn machte, also sie auf einmal neben ihm stand und sich was zu trinken holte. „Anywho…“, unterbricht sich der Tellerwäscher und schrubbt weiter an dem Blech, in dem vorher mal ein Broccoli-Auflauf war. „Aber eine Österreicherin wär schon was, obwohl ne Französin wär auch okay und vielleicht kann die Evelinn Trouble auch Französisch…“

„Last Christmas I gave you my heart
But the very next day you gave it away…” (George Michael)

Beim Gedanken an Weihnachten das Gesicht von George Michael vor sich zu haben, verlangt nicht viel Phantasie: wie er über den Tisch grinst und seine Herzensdame anschmachtet. Und der Tellerwäscher fragt sich, warum nicht schon damals, als das Video rauskam, jedem klar war, das George Michael schwul ist. So im Nachhinein betrachtet ist sowieso das ganze Video eine Pharse: Er ist im Clip hin und weg von seiner Angebeteten, obwohl er ja den Song höchstwahrscheinlich für einen Typen geschrieben hat. „Aber vielleicht hat er ja ihn ja auch für gar niemand geschrieben“ überlegt der Tellerwäscher, da solches Liebesgesäusel wohl nicht im Augenblick tiefster Gefühlsregungen entstanden sein kann.

George Michael im Video zu "Last Christmas"

George Michael im Video zu "Last Christmas"

Das Bild von George Michael mit diesem weißen Grinsen auf dem Gesicht bekommt der Tellerwäscher einfach nicht aus seinem Kopf, was für ihn eine mindestens genauso große Folter ist, wie „Last Christmas“ als Ohrwurm zu haben. Der Tellerwäscher ist überglücklich, dass ihm der Ohrwurm in diesem Jahr erspart blieb, nicht so wie die Jahre vorher. Aber nur weil er diesmal zwei Wochen vor Weihnachten begonnen hat, Radio- und Fernsehsender mit äußerster Sorgfalt auszuwählen. Nur einmal hat ihn der Song in einer Tanke erwischt – zum Glück ohne Folgen. Obwohl heute der erste Tag nach den Weihnachtsfeiertagen ist, bleibt das Küchenradio aus. Der Tellerwäscher ist sich nicht sicher, ob ein paar Stationen „Last Christams“ nicht gleich bis Heilig Drei König in die Rotation genommen haben.

Nach den Feiertagen bei den Eltern steht er jetzt wieder in seiner Küche und verwirft den letzten Gedanken an George Michael. Er denkt lieber an seinen Lieblingsweihnachtslied: „The Power of Love“ von Frankie Goes To Hollywood. Der ist auch schwul. Aber der Tellerwäscher geht nicht so weit eine Parallele zwischen Schwulen und Weinachtsfans zu ziehen. Denn „The Power of Love“ ist ja eigentlich gar kein Weihnachtssong, nur das Video dazu. „Das musste wahrscheinlich nur herhalten, weil die Plattenfirma noch eine Single für das Weihnachtsgeschäft brauchte“ denkt sich der Tellerwäscher. „Obwohl es ja eigentlich trotzdem den Kern von Weihnachten trifft. Weihnachten als das Fest der Liebe.“

Für den Tellerwäscher hat aber Weihnachten nichts mehr mit Liebe zu tun. Er ist vielmehr ein Weihnachtshasser. Auch aus dem Grund weil für ihn die meisten nur noch irgendetwas kaufen, um ein Geschenk zu haben und nicht jemand eine Freude zu machen. Und weil der Tellerwäscher noch mehr als in den Jahren zuvor keinen Bock auf Weihnachten hatte, hat er sich dieses Jahr einfach den anderen angeschlossen und es genauso gemacht wie sie: einfach irgendwas gekauft oder das gekauft, was die anderen haben wollten.

Aber eins hatte der Tellerwäscher an Weihnachten auch zu feiern: dass die Tage wieder länger werden. So wie das die Heiden früher auch schon an Weihnachten gemacht haben. Und mit den längeren Tagen kann auch er wieder Weihnachten hinter sich lassen und hoffen, dass es im nächsten Jahr schöner wird. Und vielleicht kann er auch irgendwann aus vollster Überzeugung singen:

„I’m dreaming of a white christmas
With every christmas card I write
May your days be merry and bright
And may all your christmasses be white” (Bing Crosby)

January 14, 2009 Comments (2)

Manchen Leuten ist es wichtig, in Gesellschaft zu essen. Aber der Tellerwäscher legte nie richtig Wert darauf. Vor allem dauert das immer so lang und man kann nicht essen, wann man will. Er muss aber zugestehen, dass es ab und zu schön ist, in größerer Runde zu dinieren. Gemeinsam essen, danach ein bisschen sitzen bleiben und sich unterhalten. Das hat für ihn etwas Soziales. Ihm fällt auf, dass er in diesem Moment eigentlich zum ersten Mal wirklich darüber nachdenkt. Darauf gekommen ist er, weil „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“ von Tocotronic beim Abwaschen im Radio läuft. Vorher gab es mal wieder eines dieser schnellen Gerichte: Tiefkühl-Pizza. Zum Abspülen ist er hauptsächlich nur gezwungen, weil sich über ein Dutzend benutzter Kaffeetassen angesammelt hat.

Wie oft hat sich der Tellerwäscher schon gewünscht, Teil einer Jugendbewegung zu sein? Sich zu etwas zugehörig fühlen, Teil einer Gemeinschaft sein, das was ihm beim Essen nicht wichtig ist. Und er fragt sich: Warum kann er nicht wie andere für eine Sache stehen?

Aber mit Missachtung blickt er auf die randalierenden Jugendlichen in Griechenland. Der Hauptgrund für ihn, warum die Gewalt immer weiter ging, ist für ihn, dass sie Teil einer Jugendbewegung sein wollten. Gemeinsam haben sie sich stark gefühlt. Sie waren sich sicher, dass sie sich für das Richtige einsetzen und darum beneidet er sie auch ein bisschen, obwohl er ihre Mittel niemals verstehen wird.

„Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein
Ich möcht mich auf euch verlassen können
Und jede unserer Handbewegungen
Hat einen besonderen Sinn,
Weil wir Teil einer Bewegung sind.“

Das singt Dirk von Lotzow von Tocotronic, der dem Tellerwäscher schon so oft aus dem Herzen gesprochen hat. „Aber war ich denn nie Teil einer Jugendbewegung?“, fragt sich der Tellerwäscher. „Hab ich mich denn noch nie zu etwas zugehörig gefühlt?“. Er kann sich einzig an seine Chucks erinnern, die ihm so etwas wie Zugehörigkeitsgefühl gaben. Damals vor zehn Jahren waren sie sein ständiger Begleiter: im Sommer normale Chucks und im Winter Winterchucks mit ein paar dicken Socken drunter. Aber als sie irgendwann alle trugen, hat er sie an den Nagel gehängt. Er hat sich nicht mehr zugehörig zu all den Leuten gefühlt. Als sie der Tellerwäscher noch an hatte, waren für ihn saubere Chuchks das Schlimmste. Deshalb hat er sie erst mal dreckig gemacht, bevor er sich mit ihnen in der Öffentlichkeit zeigte. Und eine Seele bekamen sie erst, als die ersten Löcher zum Vorschein kamen. Und jetzt laufen all die Leute mit sauberen Chucks rum. Und für den Tellerwäscher sind die Allerschlimmsten diejenigen mit komplett weißen Chucks, bei denen er sich immer fragt, wie sie sie überhaupt so sauber halten können. Und als sein Chef mit Chucks zur Arbeit kam, war es für ihn klar, dass er diese Schuhe nie wieder tragen wird.

Aber jetzt fühlt er sich auch rein äußerlich zu nichts mehr zugehörig. „Selbst Studenten haben ihre unverwechselbaren Klamotten. Maschinenbauer, Jura-Studenten und BWLer erkennt man sofort“, bemerkt der Tellerwäscher fast schon ein bisschen neidisch. Wie Geschäftsmänner mit Anzug, Hemd und Krawatte läuft er auch nicht rum, obwohl die für ihn noch das schönste Leben haben: Sie müssen sich keine Gedanken über ihre Klamotten machen – ein schwarzer Anzug geht immer, egal für welchen Anlass.

„Aber man muss sich doch zu irgendwas zugehörig fühlen. Man kann doch nicht einfach in einem leeren Raum schweben“, meint der Tellerwäscher. „Es gibt doch so viel, dem man anhängen könnte: einer Partei, einer Band, einem Glauben oder einer Überzeugung. Genau eine Überzeugung.“ Und er ist überglücklich, dass er etwas gefunden hat, auch wenn er nicht genau weiß, welche Überzeugung er hat. „Einfach sich selbst treu bleiben, könnte es sein“, denkt sich der Tellerwäscher. Aber eine Überzeugung hat für ihn immer noch das große Problem, dass man sich trotzdem nicht zugehörig fühlt. Als Anhänger einer Band kann man sich ein T-Shirt kaufen, man kann ein Parteibuch besitzen oder man kann sich wie ein Emo anziehen. Das gibt einem ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Aber solche äußerliche Kennzeichen gibt es bei einer Überzeugung nicht. „Was bringt sie denn überhaupt, wenn man sie nur ganz alleine hat? Vor allem man kann sie auch jederzeit über Bord werfen oder sie nach seinen Vorlieben ändern, ohne dass sich jemand darum kümmert.“, muss der Tellerwäscher feststellen. „Deshalb muss ich meine Überzeugung irgendwie ausdrücken.“ Und er denkt sich, wenn man eine Überzeugung nicht einfach wie eine Fahne vor sich hertragen kann, dann muss man sie durch sein Verhalten ausdrücken, was für ihn aber recht wenig ist. Er sucht ja nach einer Jugendbewegung.

Er könnte Greenpeace beitreten, einer Fußballmannschaft oder einer Band. „Genau, das ist es. Ich muss mich irgendwo engagieren.“ Und der Tellerwäscher stellt sich vor, wie das sein könnte, nicht mehr im luftleeren Raum sondern unter Gleichgesinnten zu sein. Aber es gibt für ihn trotzdem noch ein Problem: „Die beschränken sich doch auch wieder nur auf einen Bereich! Den Rest der Zeit muss ich trotzdem wieder für mich selbst handeln und kann mich nicht auf meine Gruppe verlassen. Und außerdem ist es ja auch keine Jugendbewegung.“ Jugendbewegungen haben für ihn den Vorteil, dass das sie das ganze Leben bestimmen und man alles danach ausrichten kann. Aber da er kein Jugendlicher mehr ist, kann er das anscheinend irgendwie nicht mehr. Er ist wohl schon zu erwachsen geworden. „Ich muss halt jetzt meine eigenen Entscheidungen treffen“, meint der Tellerwäscher. „So wie ich mich dazu entschieden hab, mein Geschirr von Hand zu waschen und mir keine Geschirrspüler zu kaufen.“ Und er wäscht voller Überzeugung und Zufriedenheit die letzten übrig gebliebenen Tassen.

December 17, 2008 Comments (0)

Heute hat sich der Tellerwäscher richtig was gegönnt: gefüllte Paprikaschoten mit Kartoffelpüree. Da es ihm seine Oma nicht mehr kocht, wollte er es selbst probieren. Und jeder andere, der es bislang versuchte, kam nie an diese alte Kochschule heran. Mit seinem Menü war er schon ganz zufrieden, obwohl er weiß, dass er noch ein bisschen Übung braucht.

Aber nach so einem Festessen will er beim Abspülen nicht einfach wieder die Gülle aus dem Radio hören wie die letzten paar Mal. Und außerdem läuft im Fernsehen ein Film über Karl Valentin und Liesl Karlstadt, deren Humor er über alles liebt. Er lässt also den Fernseher laufen, während er sich ans Abspülen macht. Aber seine Gedanken schweifen sofort ab, weil er wieder über sein Lieblingszitat von Karl Valentin sinniert: „Kunst kommt von können nicht von wollen, sonst würde es ja Wunst heißen.“ Und er muss über sich selbst schmunzeln, weil er wieder an die erste Begegnung mit diesem Satz denkt. Er hatte ihn als Nonsens abgetan. Aber als er später erfuhr, dass Kunst wirklich von „können“ kommt, wurde es zu seinem Lieblingszitat.

Dieser Satz fiel ihm vor kurzem auch wieder bei einem Poetry Slam ein. „Gut ist etwas anderes“ hat er sich gedacht, während die Slamer auf der Bühne ihre Werke vortrugen. Die Erste las eine Kurzgeschichte vor, der andere gab Fetzen seiner Raps zum Besten, einer erzählte davon, wie er sein erstes Werk für einen Poetry Slam schreibt… Dem musste er aber auch zugute halten, dass er selbst in seinem Stück sagte, dass es überhaupt gar nicht geht, über das Entstehen eines Gedichts, oder was auch immer, zu erzählen. Trotzdem änderte er es für den Tellerwäscher nichts an der Tatsache. Mindestens genauso schlimm fand er, dass ein verkannter Hip Hopper davon „slamte“, dass er keinen Bock auf Schule hat, sondern lieber die ganze Zeit Musik machen würde. „Okay Musik ist was Schönes und ich würde auch liebend gern meine ganze Zeit damit verbringen. Aber es geht halt nicht anders. Soll er halt die Schule hinschmeißen und nur noch rappen. Spätestens nach nem halben Jahr sitzt er sowieso wieder auf der Schulbank, weil sein Gepose sowieso keiner hören will“, meinte der Tellerwäscher schon leicht wütend zu seinem Nachbarn beim Poetry Slam. Beim Letzten verlor er dann schon fast die Fassung, aber er fand es auch schon wieder ein bisschen lustig. Der Typ kommt mit seiner augenscheinlichen Freundin an und erzählt davon, wie ihn Frauen nicht an ihre „Pussy“ lassen.

„Und für wen soll ich jetzt klatschen?“, fragt sich der Tellerwäscher, da per Applaus abgestimmt wird, wer der Gewinner des Abends ist. Er entscheidet sich für denjenigen, bei dem er nicht kappiert hat, worum’s geht, weil er es für ihn immer noch besser ist als die Sachen, die er verstanden hat. Und er fragt sich, was das ganze Poetry Slam-Zeug überhaupt soll. Für ihn ist das Comedy, sind das Kurzgeschichten, Gedichte, Raps und Dinge, die es vorher auch schon gab. Dafür braucht man keinen Poetry Slam. Vielleicht aber um sich selbst und seine Werke zu präsentieren, weil man es sonst nirgends anders machen kann. „Wie kann man sonst bloß auf die Idee kommen als Russe mit französischem Akzent aufzutreten? Okay, an und für sich ist der Gedanke nicht schlecht.“, denkt sich der Tellerwäscher. Und er kann sich sogar noch so ungefähr an den Inhalt des Slams erinnern: „Ich sitze in einem Café und trinke von meinem Kaffee. Auf einmal geht ein hübsches Mädchen vorbei. Ich frage mich: Soll ich sie ansprechen?“ Und so ging es weiter. „Das kann man doch auch als Kurzgeschichte veröffentlichen, wenn er schon alles vom Blatt abliest“, meint er, auch wenn es für ihn mehr einer Erlebniserzählung gleicht.

Sein Lieblingssketch von Karl Valentin mit der Zither holt ihn schlussendlich wieder zurück zu seinem Abwasch. „Schade nur der Anfang!“, stellt der Tellerwäscher leicht enttäuscht fest. Aber dabei fällt ihm wieder ein, dass es auch ein paar gute Slamer gibt. Justus Fischer beispielsweise. Und da findet er den Begriff Poety Slam auch zutreffend, weil es bei ihm wirklich eine eigene Kunstform ist. „Trotzdem gibt es zu viel Wunst auf der dieser Welt und leider auch zu viele Menschen, denen Wunst gefällt“, hält er resigniert fest. Und wann immer er auf irgendwelchen „Contests“ war, hat deshalb in seinen Augen einer der schlechtesten gewonnen – ob es jetzt um Musik oder irgendwelche Art von Kunst ging.

„Ja, ich hab in meinem Leben schon zu viel Wunst gehört“, wiederholt der Tellerwäscher und entschließt sich fast dazu, nie mehr auf irgendwelche „Amateur“-Veranstaltung zu gehen. „Aber ein Act von hundert ist trotzdem gut. Und außerdem kann es dir ja immer passieren.“ So wie auf der letzten Elektro-Trash-Party mit Live-Act. Da standen doch wirklich vier Jungs auf der Bühne, die denken, weil es Trash heißt, darf man wirklich alles machen. In den Ohren des Tellerwäschers hörte es sich an wie vier Siebtklässler, die ihre erste Band gründen, ohne einen Song zu haben. Man haut einfach mal in die Instrumente und schreit ins Mikro und schaut, was dabei rauskommt. „Das ist kein Trash, das ist Müll“, meinte die Begleitung des Tellerwäschers und hatte wahrscheinlich damit Recht.

Aber jetzt versucht sich der Tellerwäscher endgültig auf seinen Abwasch und den Valentin-Film zu konzentrieren, weil er beides ziemlich vernachlässigt hat. Außerdem wollte er sich ja einen schönen Abwasch nach dem guten Essen gönnen. Deshalb lauscht er Karl Valentin und Liesl Karlstadt. Aber er merkt, dass der Film nicht so wirklich prickelnd ist. Aber die große Kunst, die Valentin gemacht, kann ihm keiner nehmen. „Valentin nicht Walentin“ berichtigt Valentin den Anmoderator in „Der Zithervirtuose“. „Es heißt ja auch nicht: Sie haben einen Wogel, sondern Sie haben einen Vogel. Bei Villa ist das was anderes.“ Wenn das nicht wahre Kunst ist?

Wenn es etwas gibt, das der Tellerwäscher nicht leiden kann, dann sind das unechte Menschen. Deshalb hängt auch das Zitat von Marius Alsleben am Kühlschrank:

„Menschen streben danach perfekt zu sen. Warum streben sich nicht danach Mensch zu sein?“

Das ist kein bekannter Philosoph, nur ein Mensch, der diesen Spruch gern in der Hülle von Muskote-Zigaretten-Papers finden würde. Aber trotzdem bleibt der Tellerwäscher bei diesem Zitat am Kühlschrank hängen, während er mit einem Schwamm versucht eingetrocknetes Ketchup von Tellern abzukratzen – die Überreste der Pommes von heute Mittag. Dabei bemerkt er, dass gerade Jay-Z im Radio läuft. „Wie kann man nur Energy hören?“, wundert er sich über seine Mitbewohner, die anscheinend nur zwei Radiosender kennen: Energy und Hot FM.

Dabei kommt ihm gleich wieder das Bild des Amis in den Kopf, der vergangene Woche alles daran setzte, ihm das Konzert der Fleet Foxes zu versauen: muskelbepackt mit den Schultern eines Bullen, ein tiefsitzendes Baseball-Cap mit einem Schirm der so rund gebogen war, das es glatt als Nasenwärmer durchgehen könnte, obligatorischer Pullover mit Uni-Schriftzug, weiße Turnschuhe… Und war er nicht allein bei den Fleet Foxes: Er hatte noch ein paar Landsmänner und –frauen mit, wo sich der Tellerwäscher bei jedem gefragt hat: Was will der auf dem Konzert?

Die Fleet Foxes sind all das, was dieser Typ mit seinen Freunden nicht ist. Erste Stimme Robin Pecknold (ja, es gibt noch drei weitere) steht rein äußerlich in der Tradition von hm… Vielleicht am ehesten noch Neil Young, wobei hier auch eine musikalische Ähnlichkeit besteht, vor allem wenn man ihn mit den Beach Boys kreuzt. Also, Robin Pecknold steht auf der Bühne mit halb verfilzten Haaren, Vollbart, Holzfällerhemd mit Strickweste darüber, zu kurzer ausgewaschener Jeans und abgelatschen Wildlederschuhen. Auch die Musik könnte man eher als natürlich (also der Natur überlassen) bezeichnen. Beach-Boys-Gesänge mit Folk-Instrumentierung, um es sehr vereinfacht auszudrücken.

Auf jeden Fall steht der Typ mit seinen Freunden direkt neben dem Tellerwäscher, trinkt ein Bier nach dem anderen und ratscht ständig mit seinen Kumpels, was bei einem solch emotionalen und ruhigen Konzert äußerst störend wirkt. Eine der Ami-Landsfrauen im Anasticia-Outfit mit Hut, 15-Zentimeter-Ohrringen, Weste und Stiefeln, alles vornehmlich in weiß gehalten, ist besonders aktiv – und Vorlaut. Der Tellerwäscher kann sich nicht mehr genau erinnern, was der Grund für den Zwischenruf war, auf jeden Fall schreit sie irgendwann „Jay-Z“ auf die Bühne. Und Robin Pecknold meint: „I’m awfully sorry, but this is no Jay-Z show.“ Und darüber sind auch alle in der Halle, ausgeschlossen der Ami-Fraktion neben dem Tellerwäscher, äußert erfreut.

Was diese Leute auf dem Konzert wollten, leuchtet ihm immer noch nicht ein. Die einzige Erklärung, die ihm einfällt: Die Amis waren auf dem Konzert, weil Landsmänner spielten. Aber eigentlich hätte er gedacht, dass der Patriotismus der Amerikaner trotzdem nicht so weit geht. Und Seattle, wo die Fleet Foxes herkommen, liegt meilenweit entfernt von den Südstaaten, wo der Tellerwäscher die Konzertgänger hinverortet. Er ist in diesem Moment nur beeindruckt von den Fleet Foxes, die sich auch durch die weiteren Jay-Z-Zwischenrufe absolut nicht aus der Ruhe kriegen ließen. Auch sie haben bemerkt, dass am rechten Bühnenrand ein paar Landsmänner stehen. Und auch sie müssen sich gefragt haben, was die hier wollen. Aber sie machen nur ein paar Witze über Jay-Z. Sie, die das absolute Gegenstück von Amerika darstellen.

Sind die Fleet Foxes jetzt perfekt, so wie das Marius Alsleben in seinem Zitat versteht? Für den Tellerwäscher sind sie es. Echte Menschen, die so sind, wie sie sind, sich nicht um die Meinung anderer kümmern, und sich nicht von Jay-Z-Fans aus der Ruhe bringen lassen. Also sind sie „perfekt“ und „Mensch“. Und der Tellerwäscher träumt weiter vor sich hin: „Also der Schlüssel dazu perfekt zu sein, ist versuchen Mensch zu sein. Und der Yankie mit Nasenwärmer versucht perfekt durch Äußerlichkeiten zu sein, wofür spricht, dass er als absoluter Klische-Ami durchgeht.“

Und was ist mit Jay-Z, der Typ, der Beyonce geehelicht hat? Der steht für den Tellerwäscher gemeinsam mit seiner Frau stellvertretend für das Proletariat der Pop-Musik. Sind die perfekt? Sicherlich in den Augen vieler Menschen. Aber für den Tellerwäscher sind sie nur eingetrockneter Ketchup, der von Pommes übrig bleibt: Fast-Food mit geringer Halbwertszeit. Die Fleet Foxes sind ein Menü bestehend aus vielen einzelnen Gängen. „Aber warum lass ich mir für’s Essen keine Zeit?“ fragt sich der Tellerwäscher. „Wahrscheinlich dauert’s noch ein bisschen Mensch zu werden.“ Und kratzt den letzten Rest Ketchup weg.

November 24, 2008 Comments (0)

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