Wenn es etwas gibt, das der Tellerwäscher nicht leiden kann, dann sind das unechte Menschen. Deshalb hängt auch das Zitat von Marius Alsleben am Kühlschrank:

„Menschen streben danach perfekt zu sen. Warum streben sich nicht danach Mensch zu sein?“

Das ist kein bekannter Philosoph, nur ein Mensch, der diesen Spruch gern in der Hülle von Muskote-Zigaretten-Papers finden würde. Aber trotzdem bleibt der Tellerwäscher bei diesem Zitat am Kühlschrank hängen, während er mit einem Schwamm versucht eingetrocknetes Ketchup von Tellern abzukratzen - die Überreste der Pommes von heute Mittag. Dabei bemerkt er, dass gerade Jay-Z im Radio läuft. „Wie kann man nur Energy hören?“, wundert er sich über seine Mitbewohner, die anscheinend nur zwei Radiosender kennen: Energy und Hot FM.

Dabei kommt ihm gleich wieder das Bild des Amis in den Kopf, der vergangene Woche alles daran setzte, ihm das Konzert der Fleet Foxes zu versauen: muskelbepackt mit den Schultern eines Bullen, ein tiefsitzendes Baseball-Cap mit einem Schirm der so rund gebogen war, das es glatt als Nasenwärmer durchgehen könnte, obligatorischer Pullover mit Uni-Schriftzug, weiße Turnschuhe… Und war er nicht allein bei den Fleet Foxes: Er hatte noch ein paar Landsmänner und –frauen mit, wo sich der Tellerwäscher bei jedem gefragt hat: Was will der auf dem Konzert?

Die Fleet Foxes sind all das, was dieser Typ mit seinen Freunden nicht ist. Erste Stimme Robin Pecknold (ja, es gibt noch drei weitere) steht rein äußerlich in der Tradition von hm… Vielleicht am ehesten noch Neil Young, wobei hier auch eine musikalische Ähnlichkeit besteht, vor allem wenn man ihn mit den Beach Boys kreuzt. Also, Robin Pecknold steht auf der Bühne mit halb verfilzten Haaren, Vollbart, Holzfällerhemd mit Strickweste darüber, zu kurzer ausgewaschener Jeans und abgelatschen Wildlederschuhen. Auch die Musik könnte man eher als natürlich (also der Natur überlassen) bezeichnen. Beach-Boys-Gesänge mit Folk-Instrumentierung, um es sehr vereinfacht auszudrücken.

Auf jeden Fall steht der Typ mit seinen Freunden direkt neben dem Tellerwäscher, trinkt ein Bier nach dem anderen und ratscht ständig mit seinen Kumpels, was bei einem solch emotionalen und ruhigen Konzert äußerst störend wirkt. Eine der Ami-Landsfrauen im Anasticia-Outfit mit Hut, 15-Zentimeter-Ohrringen, Weste und Stiefeln, alles vornehmlich in weiß gehalten, ist besonders aktiv – und Vorlaut. Der Tellerwäscher kann sich nicht mehr genau erinnern, was der Grund für den Zwischenruf war, auf jeden Fall schreit sie irgendwann „Jay-Z“ auf die Bühne. Und Robin Pecknold meint: „I’m awfully sorry, but this is no Jay-Z show.“ Und darüber sind auch alle in der Halle, ausgeschlossen der Ami-Fraktion neben dem Tellerwäscher, äußert erfreut.

Was diese Leute auf dem Konzert wollten, leuchtet ihm immer noch nicht ein. Die einzige Erklärung, die ihm einfällt: Die Amis waren auf dem Konzert, weil Landsmänner spielten. Aber eigentlich hätte er gedacht, dass der Patriotismus der Amerikaner trotzdem nicht so weit geht. Und Seattle, wo die Fleet Foxes herkommen, liegt meilenweit entfernt von den Südstaaten, wo der Tellerwäscher die Konzertgänger hinverortet. Er ist in diesem Moment nur beeindruckt von den Fleet Foxes, die sich auch durch die weiteren Jay-Z-Zwischenrufe absolut nicht aus der Ruhe kriegen ließen. Auch sie haben bemerkt, dass am rechten Bühnenrand ein paar Landsmänner stehen. Und auch sie müssen sich gefragt haben, was die hier wollen. Aber sie machen nur ein paar Witze über Jay-Z. Sie, die das absolute Gegenstück von Amerika darstellen.

Sind die Fleet Foxes jetzt perfekt, so wie das Marius Alsleben in seinem Zitat versteht? Für den Tellerwäscher sind sie es. Echte Menschen, die so sind, wie sie sind, sich nicht um die Meinung anderer kümmern, und sich nicht von Jay-Z-Fans aus der Ruhe bringen lassen. Also sind sie „perfekt“ und „Mensch“. Und der Tellerwäscher träumt weiter vor sich hin: „Also der Schlüssel dazu perfekt zu sein, ist versuchen Mensch zu sein. Und der Yankie mit Nasenwärmer versucht perfekt durch Äußerlichkeiten zu sein, wofür spricht, dass er als absoluter Klische-Ami durchgeht.“

Und was ist mit Jay-Z, der Typ, der Beyonce geehelicht hat? Der steht für den Tellerwäscher gemeinsam mit seiner Frau stellvertretend für das Proletariat der Pop-Musik. Sind die perfekt? Sicherlich in den Augen vieler Menschen. Aber für den Tellerwäscher sind sie nur eingetrockneter Ketchup, der von Pommes übrig bleibt: Fast-Food mit geringer Halbwertszeit. Die Fleet Foxes sind ein Menü bestehend aus vielen einzelnen Gängen. „Aber warum lass ich mir für’s Essen keine Zeit?“ fragt sich der Tellerwäscher. „Wahrscheinlich dauert’s noch ein bisschen Mensch zu werden.“ Und kratzt den letzten Rest Ketchup weg.

November 24, 2008 Comments (0)

„Wie kann man nur solche Gülle spielen?“ Die ganze Abwascherei macht dem Tellerwäscher keinen Spaß mehr. Und dabei ist er gerade erst mit dem zweiten Teller fertig. Es wartet noch der Rest der vergangenen zwei Tage auf ihn, inklusive dem Geschirr vom heutigen Menü: Spinat mit Spiegelei und Kartoffeln. Der Grund für die ganze Aufregung: Chris Cornell mit “Ground Zero”.

„Wo Fing Das An Und Wann
Was Hat Dich Irritiert
Was Hat Dich Bloß So Ruiniert“ (Die Sterne)

Beginnt er zu singen in der Hoffnung, dass er den Song im Radio einfach ausblenden kann. „Ja, Chris Cornell. Was hat dich bloß so ruiniert? Audioslave war ja schon Durchschnitt, aber eine Kallobo mit Timbaland?“ Er kann das einfach alles nicht verstehen. Soundgarden, die Helden seiner Jugend mit Chris Cornell als Sänger, hat er geliebt. Seine erste Soloplatte auch noch. Aber warum er jetzt nur noch unterirdische Musik macht, kann er absolut nicht verstehen: „Wo bleibt der Punk? Das ist doch alles Radio-Pop.“

Vor ein paar Tagen war er beim Konzert der Blood Red Shoes. Das hatte noch Punk. Die Sängerin Laura hat noch dem dritten Song die Gitarre in die Ecke geworfen und ist von der Bühne gestürmt. Nach einer halben Stunde ging’s weiter, mit dem gleichen Desinteresse in ihrem Gesicht. Als schließlich einer im Publikum rief „Laura, please smile!“ war’s bei ihr endgültig aus. Warum stehe sie denn auf der Bühne? Nur um gut auszusehen? Sie beschimpft das Publikum als „fucking cunts“, läuft von der Bühne, das Konzert ist aus.

„Alles für die Musik machen. Sein eigenes Ding durchziehen. Zu seinen Gefühlen stehen, auch wenn man gerade auf der Bühne steht.“ In den Augen des Tellerwäschers geht diese Kompromisslosigkeit anscheinend mit der Zeit verloren. Was ist denn mit seiner anderen Jugendliebe Pearl Jam, allen voran Sänger Eddie Vedder? Die machen doch auch nur noch Konsens-Rock getarnt unter Bush-Kritik. „Aber wie konnt’s nur soweit kommen? Was hat euch bloß so ruiniert, Chris und Eddie?“, fragt er sich, während im Radio Chris Cornell immer noch „eh - eh“ vor sich hinstöhnt.

„Sie sind einfach zu glücklich geworden.“, ist die Antwort für den Tellerwäscher. Eddie Vedder war jahrelang mit seiner Jugendliebe zusammen. Und auch als er berühmt wurde, hat er zu ihr gestanden.  „Sie war sein strengster Kritiker, wenn es um neue Songs von ihm ging“, hat Ed mal über seine Freundin gesagt, die selbst ziemlich „alternative“ Musik machen soll. Jetzt ist Ed mit einem Supermodel verheiratet und hat sein erstes Kind. Bei Chris Cornell dasselbe. Ewig mit der Managerin von Soundgarden, Susan Silver, zusammen und jetzt Kind mit ner anderen. Wie soll man denn da noch gute Musik schreiben geschweige denn etwas zu sagen haben?  „Die machen doch nur noch Musik, weil es immer noch ihr Hobby ist“, sagt er sich. Aber das reicht nicht. Unglücklich muss man sein, sich über etwas aufregen, dann kann Großes entstehen. Das hat sogar Jon Bon Jovi gemerkt, obwohl der niemals gute Musik gemacht hat. „Like a poet needs the pain“, singt er in „In These Arms“ und hat damit vollkommen Recht.

Darum hat sich der Tellerwäscher in seiner letzten Beziehung auch schon mal die Frage gestellt, ob er denn lieber glücklich oder unglücklich sein will. Seit er mit seiner Freundin zusammen war, konnte er nicht mehr produktiv sein, ihm viel nichts mehr ein. Als er vorher noch wegen ihr Liebeskummer hatte, da sprudelt es nur so aus ihm raus. Und als sie dann Schluss machte, dann schrieb er, nachdem ihm über ein Jahr lang  nichts eingefallen war, auf einmal zwei Songs. „Einsamkeit schreibt große Songs“, das hat auch Chris Cornell zu Soundgarden-Zeiten erkannt. Aber was soll der Tellerwäscher machen? Und was sollen überhaupt alle Künstler machen? Unglücklich sein und gute Musik? Glücklich sein und schlechte Musik?

Und Sean Paul, der gleich nach Chris im Radio läuft, ist für den Tellerwäscher der beste Beweis dafür: „Auf so nen Scheiß kann man nur kommen, wenn man zufrieden ist und wahrscheinlich jeden Abend ne andere Tussi abschleppt. Da bleibt ja auch gar keine Zeit mehr für Musik. Da stöbselt man einfach was zusammen, was einem spontan einfällt, damit man seinen Status und den Kontostand halten kann. So läuft das!”

Der Einzige seiner alten Helden, der ihm treu geblieben ist, ist Thom Yorke. Radioheads „All I Need“ kann nur ein nicht allzu glücklicher Mensch geschrieben haben. Und Thom Yorke macht beim besten Willen keinen allzu glücklichen Eindruck, auch wenn er wie Chris und Eddie mittlerweile auch Frau und Kind hat.

Aber was soll der Tellerwäscher denn machen? Lieber Sean Paul mit seinen Frauen sein oder Thom Yorke mit der großen Musik? „Auf jeden Fall lieber Thom Yorke“ beschließt er sofort und schämt sich, dass er überhaupt nur einen Moment über die Frage nachgedacht hat. Aus Frust stellt er gleich das Radio ab, wo noch immer Sean Paul darüber singt, dass er richtigen Taktiken besitzt Frauen „anzuturnen“. Außerdem will er ja die Sean-Paul-Tussis gar nicht. Er will eine, die ihn versteht in seiner Unverstandenheit von der Welt, und wäscht weiter das Geschirr.

November 20, 2008 Comments (1)

Im Fernsehen läuft „Erlaubte Liebe“. Was gibt es Langweiligeres? Bügeln, Staub wischen, Sport machen? Kochen? Seit heut Morgen hat er vergessen zu essen und mittlerweile ist es Abend. Rauchen hilft, aber jetzt kommt das Gefühl im Bauch zurück. Aufwendig kochen, dafür bleibt keine Zeit, denn es gibt ja noch soviel zu tun. Einmal die Woche, das muss reichen! Spiegelei mit Leberkäs gibt der Kühlschrank her. Also rein damit in die Pfanne, ein bisschen warten und dann essen.

In der neuen Wohnung sollte ja eigentlich alles anders werden. Sich mal Zeit nehmen für Dinge, die ihm allgemein überbewertet erscheinen, Essen unter anderem. Und die neue Wohnung lädt im Gegensatz zu seinen vorherigen auch mal dazu ein. Es gibt eine große Küche mit massiv hölzernem Esszimmertisch, wo auch mehr als zwei Leute Platz haben und einen Balkon. Die Dekoration der Wohnung zeigt zum ersten Mal, dass hier jemand wohnt: Chuck Norris-Poster an der Wand, Überraschungs-Ei-Figuren in der Küche, Sprüche und Notizen an der Kühlschranktür und noch viel anderer Kleinkram ohne jeglichen vordergründigen Gebrauchswert. Hier fühlt er sich zum ersten Mal einigermaßen wohl, seit er zum Studieren von zu Hause ausgezogen ist. Das liegt auch an seinen drei Mitbewohnern, mit denen er sich über mehr unterhalten kann, als wer das nächste Klopapier kauf.

Aber von den Mitbewohnern ist gerade keiner da. Deshalb sitzt er allein am Esszimmertisch. „Das ist schon mal besser als vorm Laptop die Nahrung runterschlingen“, denkt er sich. Aber weil er allein ist und Beschäftigung braucht, muss halt eine der Zeitschriften herhalten, die in der Küche herumliegt: die WirtschaftsWoche. Die war ihm ja schon immer verfeindet. Der Wirtschaftsteil in ner Zeitung wird immer weitergeblättert, weil er sowieso nur langweilt. Und dann ne Zeitschrift nur mit Wirtschaft! „Na ja, die Titelgeschichte „Manager im Gefängnis“ kann man schon lesen!”, sagt er sich und beginnt sich in den Text zu vertiefen. Aber dieses leichte Sympathisieren mit den Anzugträgern geht im dann trotzdem ein bisschen auf den Geist und legt den Artikel mit dem Ende des letzten Stück Leberkäs halbgelesen weg.

Eigentlich wollte er gleich wieder an die Arbeit. Aber die Überreste der letzen Menüs halten ihn davon ab. Mit den guten Vorsätzen will er nicht gleich wieder brechen. Also abwaschen und nicht wieder drei Tage warten! Er schaltet das Küchenradio ein, damit’s nicht so langweilig wird. „Gut, die Sterne!“ Er ist von der Musikauswahl des Senders schwer beeindruckt und wirft die dreckigen Teller und Gläser ins Waschbecken. „Politisch eindeutig links, gesellschaftskritisch und authentisch, genau das Richtige!“ Und dann der Song: Universal Tellerwäscher.

In Musik kann er sich verlieren. Und er kann nicht verstehen, warum manche Menschen sagen „ Das ist nur Musik.“ Und jetzt hat er schon wieder den besten Beweis dafür. Beim Abspülen lauft rein zufällig „Universal Tellerwäscher“. Aber für ihn ist es kein Zufall. „Es gibt eine Verbindung zwischen Musik und Wirklichkeit.“ Wie oft hat er einfach so ein Lied vor sich hingesummt, das alles ausdrückte, was er gerade dachte, auch wenn ihm der Song manchmal gar nicht gefiel. Monatelang hat er einen verflossenen Liebe die Zeile „Mach die Augen zu und küss mich“ von den Ärzten vorgesungen und nicht gecheckt, was es eigentlich bedeutet. Erst im Nachhinein hat er es verstanden. Oder als er beim Spazierengehen keinen Weg über einen Bach fand (ein überaus breiter Bach!). „Can’t find a path through“ hat er einfach so zu trällern begonnen, auch wenn Dave Grohl in Wahrheit was anderes singt. Und genauso wie bei den Foo Fighters damals ist es jetzt bei den Sternen: Der Song taucht nicht ohne Grund auf.

Und so wie der Universal Tellerwäscher fühlt er sich gerade auch: Nichts geht voran, vom System isoliert, so viele Wünsche, aber nichts wird wahr. Resigniert möchte er sich deshalb von nun an nur noch Tellerwäscher nennen. Das „Universal“ lässt er weg, obwohl ihm das Wort eigentlich ganz gut gefällt. “Eigentlich kann ich ja alles und mir fehlt es an nichts. Ich seh nicht zu schlecht aus, bin nicht übergewichtig und dumm bin ich sicherlich auch nicht.”, denkt er sich, also „universal“, aber bemerken will es nur keiner. Also bleibt er für sich der „Universal Tellerwäscher“, für alle anderen ab nur „Tellerwäscher“, er will nicht zu überheblich klingen.

Und so träumt der Tellerwäscher beim Abspülen weiter vor sich hin: Was er alles erreichen könnte, von der Liebe, von einem besseren Leben… einfach von allem, was ihm gerade fehlt. Er merkt gar nicht, dass der Song schon zu Ende ist. Er starrt vor sich hin, schrubbt einen Teller, den nächsten und hört erst auf zu denken, als er nichts mehr in der Spüle findet. „Ja, Tellerwäscher muss man sein“, sagt er und geht in sein Zimmer. „Dann kann man einfach alles abwaschen.“

November 10, 2008 Comments (1)

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