Manchen Leuten ist es wichtig, in Gesellschaft zu essen. Aber der Tellerwäscher legte nie richtig Wert darauf. Vor allem dauert das immer so lang und man kann nicht essen, wann man will. Er muss aber zugestehen, dass es ab und zu schön ist, in größerer Runde zu dinieren. Gemeinsam essen, danach ein bisschen sitzen bleiben und sich unterhalten. Das hat für ihn etwas Soziales. Ihm fällt auf, dass er in diesem Moment eigentlich zum ersten Mal wirklich darüber nachdenkt. Darauf gekommen ist er, weil „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“ von Tocotronic beim Abwaschen im Radio läuft. Vorher gab es mal wieder eines dieser schnellen Gerichte: Tiefkühl-Pizza. Zum Abspülen ist er hauptsächlich nur gezwungen, weil sich über ein Dutzend benutzter Kaffeetassen angesammelt hat.
Wie oft hat sich der Tellerwäscher schon gewünscht, Teil einer Jugendbewegung zu sein? Sich zu etwas zugehörig fühlen, Teil einer Gemeinschaft sein, das was ihm beim Essen nicht wichtig ist. Und er fragt sich: Warum kann er nicht wie andere für eine Sache stehen?
Aber mit Missachtung blickt er auf die randalierenden Jugendlichen in Griechenland. Der Hauptgrund für ihn, warum die Gewalt immer weiter ging, ist für ihn, dass sie Teil einer Jugendbewegung sein wollten. Gemeinsam haben sie sich stark gefühlt. Sie waren sich sicher, dass sie sich für das Richtige einsetzen und darum beneidet er sie auch ein bisschen, obwohl er ihre Mittel niemals verstehen wird.
„Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein
Ich möcht mich auf euch verlassen können
Und jede unserer Handbewegungen
Hat einen besonderen Sinn,
Weil wir Teil einer Bewegung sind.“
Das singt Dirk von Lotzow von Tocotronic, der dem Tellerwäscher schon so oft aus dem Herzen gesprochen hat. „Aber war ich denn nie Teil einer Jugendbewegung?“, fragt sich der Tellerwäscher. „Hab ich mich denn noch nie zu etwas zugehörig gefühlt?“. Er kann sich einzig an seine Chucks erinnern, die ihm so etwas wie Zugehörigkeitsgefühl gaben. Damals vor zehn Jahren waren sie sein ständiger Begleiter: im Sommer normale Chucks und im Winter Winterchucks mit ein paar dicken Socken drunter. Aber als sie irgendwann alle trugen, hat er sie an den Nagel gehängt. Er hat sich nicht mehr zugehörig zu all den Leuten gefühlt. Als sie der Tellerwäscher noch an hatte, waren für ihn saubere Chuchks das Schlimmste. Deshalb hat er sie erst mal dreckig gemacht, bevor er sich mit ihnen in der Öffentlichkeit zeigte. Und eine Seele bekamen sie erst, als die ersten Löcher zum Vorschein kamen. Und jetzt laufen all die Leute mit sauberen Chucks rum. Und für den Tellerwäscher sind die Allerschlimmsten diejenigen mit komplett weißen Chucks, bei denen er sich immer fragt, wie sie sie überhaupt so sauber halten können. Und als sein Chef mit Chucks zur Arbeit kam, war es für ihn klar, dass er diese Schuhe nie wieder tragen wird.
Aber jetzt fühlt er sich auch rein äußerlich zu nichts mehr zugehörig. „Selbst Studenten haben ihre unverwechselbaren Klamotten. Maschinenbauer, Jura-Studenten und BWLer erkennt man sofort“, bemerkt der Tellerwäscher fast schon ein bisschen neidisch. Wie Geschäftsmänner mit Anzug, Hemd und Krawatte läuft er auch nicht rum, obwohl die für ihn noch das schönste Leben haben: Sie müssen sich keine Gedanken über ihre Klamotten machen – ein schwarzer Anzug geht immer, egal für welchen Anlass.
„Aber man muss sich doch zu irgendwas zugehörig fühlen. Man kann doch nicht einfach in einem leeren Raum schweben“, meint der Tellerwäscher. „Es gibt doch so viel, dem man anhängen könnte: einer Partei, einer Band, einem Glauben oder einer Überzeugung. Genau eine Überzeugung.“ Und er ist überglücklich, dass er etwas gefunden hat, auch wenn er nicht genau weiß, welche Überzeugung er hat. „Einfach sich selbst treu bleiben, könnte es sein“, denkt sich der Tellerwäscher. Aber eine Überzeugung hat für ihn immer noch das große Problem, dass man sich trotzdem nicht zugehörig fühlt. Als Anhänger einer Band kann man sich ein T-Shirt kaufen, man kann ein Parteibuch besitzen oder man kann sich wie ein Emo anziehen. Das gibt einem ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Aber solche äußerliche Kennzeichen gibt es bei einer Überzeugung nicht. „Was bringt sie denn überhaupt, wenn man sie nur ganz alleine hat? Vor allem man kann sie auch jederzeit über Bord werfen oder sie nach seinen Vorlieben ändern, ohne dass sich jemand darum kümmert.“, muss der Tellerwäscher feststellen. „Deshalb muss ich meine Überzeugung irgendwie ausdrücken.“ Und er denkt sich, wenn man eine Überzeugung nicht einfach wie eine Fahne vor sich hertragen kann, dann muss man sie durch sein Verhalten ausdrücken, was für ihn aber recht wenig ist. Er sucht ja nach einer Jugendbewegung.
Er könnte Greenpeace beitreten, einer Fußballmannschaft oder einer Band. „Genau, das ist es. Ich muss mich irgendwo engagieren.“ Und der Tellerwäscher stellt sich vor, wie das sein könnte, nicht mehr im luftleeren Raum sondern unter Gleichgesinnten zu sein. Aber es gibt für ihn trotzdem noch ein Problem: „Die beschränken sich doch auch wieder nur auf einen Bereich! Den Rest der Zeit muss ich trotzdem wieder für mich selbst handeln und kann mich nicht auf meine Gruppe verlassen. Und außerdem ist es ja auch keine Jugendbewegung.“ Jugendbewegungen haben für ihn den Vorteil, dass das sie das ganze Leben bestimmen und man alles danach ausrichten kann. Aber da er kein Jugendlicher mehr ist, kann er das anscheinend irgendwie nicht mehr. Er ist wohl schon zu erwachsen geworden. „Ich muss halt jetzt meine eigenen Entscheidungen treffen“, meint der Tellerwäscher. „So wie ich mich dazu entschieden hab, mein Geschirr von Hand zu waschen und mir keine Geschirrspüler zu kaufen.“ Und er wäscht voller Überzeugung und Zufriedenheit die letzten übrig gebliebenen Tassen.
