Er hält den Alubecher in der Hand, der noch übrig ist. Er gießt ein bisschen Wasser aus dem Kanister drüber und beginnt zu singen:
„What a life I lead in the summer
What a life I lead in the spring
What a life I lead in the winded breeze
What a life I lead in the spring“
Ganz unverhofft kommt dieser Song seit eingigen Wochen immer wieder aus dem Mund des Tellerwäschers. Aber immer wenn er nach draußen geht, frische Luft atmet und die Sonne sein Gesicht streift. Deshalb bedeutet dieser Song für den Tellerwäscher mittlerweile, die Natur zu erleben. Und jetzt steht er hier am Ufer eines Bachs mitten in einem Wald und wäscht das Camping-Geschirr, dass er und seine Reisetruppe vorhin beim Essen benutzt haben. „So fühlt sich Leben an“, denkt sich der Tellerwäscher und atmet tief ein und langsam wieder aus.
Und die Fleet Foxes waren mit diesem Song sein Begleiter in den vergangenen Monaten. Sie haben ihm das Leben und seine Umwelt wieder nähergebracht. Die Fleet Foxes, die ihm in ihrer jungen und zum Teil naiven Natürlichkeit so viel Freude bereitet haben. Und diese Natürlichkeit ging ihm so lange abhanden. Er musste wieder ins Gleichgewicht kommen und jetzt steht er hier im Wald.
„What a life I lead when the sun breaks free
As a giant torn from the clouds
What a life indeed when that ancient seed
Is a berry watered and plowed“
Singt der Tellerwäscher weiter, gedankenversunken mit einem wohligen Gefühl und mit keiner Angst, dass auch mal der Winter wieder kommt. „Komm, Feuerholz sammeln!“, ruft eine Stimme und holt ihn zurück in die reale Welt. Er stellt den Alubecher ab und macht sich weiter an die Arbeit.
„Standing in the way of control
Live your lives
By the only way that you know“
Dröhnt’s aus dem Radio. Die Sender haben The Gossip bzw. vielmehr ihre Sängerin Beth Ditto entdeckt. Die Frau, die gewissermaßen Pete Doherty abgelöst hat. „Legt doch mal über!“
Der Tellerwäscher spült ab und hat das Bild von der Gossip-Sängerin vor Augen. „Das neue It-Girl“, sagt er und verdreht die Augen. Seine „political correctness“ hat er mittlerweile auch verloren. Deshalb ist für ihn nur eine recht dicke Sängerin, die sich nicht sonderlich gut kleidet und seiner Meinung nach besser keine neuen Modetrends setzen sollte, im Gegensatz zu vielen „namhaften“ Medien, die das immer wieder meinen. Und gleichzeitig treten sie das Leben unserer Beth Ditto breit. Gerne wird immer wieder erwähnt, dass sie lesbisch ist. Dabei merken die Autoren gerne auch an, dass sie mit einem transsexuellen Mann zusammen ist, was ja eigentlich bedeutet, dass sie nicht rein lesbisch ist. „Legt doch mal über!“
Und während der Tellerwäscher so weiter die Teller schruppt, wandert Beth Ditto tanzend und schreiend weiter in seine Gedanken umher. „Kate Moss, die hat das alles geplant!“ Der Tellerwäscher hat das verbindende Glied zwischen Pete Doherty und Beth Ditto gefunden. Petes Ex-Freundin und Beth Dittos neue Freundin. „Aber was hat sie damit beabsichtigt?“ Der Tellerwäscher geht die Möglichkeiten durch: Sie wollten neue Mode-Trends setzen, weil sie immer in üblen Klamotten bei Modeschauen rumlaufen musste. Sie ist ein großer Musikfreund und wollte guter Musik zum Durchbruch verhelfen, was aber bislang bei keinem geklappt hat. „Hm, beides könnte sein, ist aber ziemlich unwahrscheinlich! Legt doch mal über!“
„Aber es könnte schon sein, dass Kate Moss die Journalisten ein bisschen was steckt, damit die über die jeweilige Person berichten. Oder dass sie zu ihnen meint, das wird das nächste große Ding.“ Den Tellerwäscher lassen die Verschwörungstheorien über Kate Moss einfach nicht los. Und die am unspanndste Variante will er nicht glauben: dass Kate Moss einfach nur cool sein will und sich deshalb mit in ihren Augen coolen Leuten umgibt. „Aber leg doch noch mal über!“Aber ihm fällt keine andere Theorie mehr ein, die noch eher der Wirklichkeit entsprechen könnte.
Als Hintergrundinformation für den interessierten Leser: „Leg doch mal über“ hat sich der Tellerwäscher seit kurzem angewöhnt, um „überlegen“ die gleichen Rechte wie all den anderen zusammengesetzten Verben zu geben, die sich teilen lassen. Denkt da mal drüber nach!
Der Tellerwäscher hat sich verliebt - in die Österreicherinnen. Er hat sich fest vorgenommen, dass seine nächste Freundin aus Österreich kommen soll. Es hat in völlig unverhofft getroffen. Er ist bei jemand zu Besuch und auf einmal kommen zwei Österreicherinnen vorbei. Sie beginnen zu reden und er weiß, dass er sich sofort in das Liebliche in diesem Dialekt verlieben könnte, weil sie so viel Charakter in die sonst immer mehr glatt gebügelte deutsche Sprache bringen. „Ja etz bin e a wirkle gestan beim Fußbaispui gwäsn und da Schiedsrichta hots einfach ned gsähn“, meinte die eine. Und er ist dabei so von sich selbst überrascht, weil er eigentlich kein so großer Österreicher-Freund war, was vor allem an solchen Typen wie Andreas Goldgeber lag, die in seiner Kindheit deutschen Skispringern die Goldmedaille klauten. Aber das scheint er jetzt für immer hinter sich gelassen zu haben.
Etwas, das er bislang von Österreich auch noch nicht kannte, läuft gerade im Radio. „Soap & Skin“ mit „Spiracle“. Die Österreicher Anja Plaschg, Tochter eines steirischen Schweinzüchters, verarbeitet ihr Leben mit dem allgegenwertigen Tod, auf Englisch und in zutiefst trauriger Musik. Genau das, was Jan Wigger mag. „Den wollte ich schon immer mal kennen lernen“, denkt sich der Tellerwäscher und beschließt gleich sein MySpace-Profil zu korrigieren. Jan Wigger ist freier Musikjournalist und schreibt auch für Spiegel Online in der Rubrik „Die wichtigsten CDs der Woche“. Ein Auszug aus der Rezension zum Debüt-Album von Soap & Skin „Lovetune For Vacuum“:
„… Das Debüt-Album von Soap & Skin dagegen ist gerade für Schmerzpatienten ein Ratgeber in allen Lebenslagen: Immer wieder werden auf dem verzauberten, wohltemperierten Klavier die Herbsttöne angeschlagen, immer wieder erzittert man: “When I was a child/ Peers pushed me hard in my head/ In my neck/ In my chest/ In my waist/ In my butt.” (”Spiracle”). Kein Lichtschalter, nirgends. Und die Pulsadern öffnen sich von ganz allein. …“ (Spiegel Online vom 03.03.2009)
Er fragt sich, wer diese Person denn sein kann. Jedoch Woche liest der Tellerwäscher die Plattenrezensionen auf Spiegel Online und nach dem Grad der Melancholie einer Platte scheint Herr Wigger in letzter Zeit immer mehr seine Punkte zu vergeben. Und es sieht so aus, als ob er immer weiter abzudriften droht. Mittlerweile ist er auch schon ein Fan von Black Metal, was seine Begeisterung für Wolves In The Throne Room widerspiegelt, die ganz unverhofft in den Platten des Jahres bei Spiegel Online auftauchten, obwohl die ansonsten für Indie-Platten reserviert sind. Der Tellerwäscher stellt sich deswegen einen langhaarigen Nerd mit Nickelbrille vor, der Angst vor Sonne hat. Aber auch andere machen sich in Internet-Foren Gedanken darüber, wer denn dieser Jan Wigger sein könnte.
„Anywho…“, meint der Tellerwäscher und macht sich lieber wieder an seinen Abwasch. Dabei fällt ihm ein, dass ja neben den Österreichern auch die Schweizer anscheinend auf einmal gute Musik machen können. Sophie Hunger läuft dem Tellerwäscher ganz unverhofft im Vorprogramm von Camille über den Weg, die ihm auf diese Weise einen Ohrwurm für mehrere Wochen beschert. „Das war ja wieder auch so was von klar, dass das an diesem Abend passieren musste“, realisiert er in diesem Moment. „Pour’que l’amour me quitte“ von Camille war bis vor rund zwei Jahren sein Ohrwurm, der den Tellerwäscher aber danach immer noch nicht ganz verlassen hat, weil er den Song irgendwie immer wieder auf dem Klavier spielen musste. Aber jetzt spielt er den Song nicht mehr, weil ihn „Walzer für Niemand“ von Sophie Hunger ersetzt hat. Und genau an diesem Abend meldet sich eine Person beim Tellerwäscher, von der er schon lange nichts mehr gehört hat und vielleicht auch nicht wollte. „Wer sollte da nicht glauben, dass Musik irgendwie alles verbindet!“
Und ein paar Wochen später steht auf einmal eine gute Freundin von Sophie Hunger auf der Bühne: Evelinn Trouble, die die neue Hoffnung am Schweizer Pophimmel (!!!) sein soll. Aber in den Schweizer Dialekt will sich der Tellerwäscher doch dann trotzdem nicht so recht verlieben, obwohl die Evelinn doch schon Eindruck auf ihn machte, also sie auf einmal neben ihm stand und sich was zu trinken holte. „Anywho…“, unterbricht sich der Tellerwäscher und schrubbt weiter an dem Blech, in dem vorher mal ein Broccoli-Auflauf war. „Aber eine Österreicherin wär schon was, obwohl ne Französin wär auch okay und vielleicht kann die Evelinn Trouble auch Französisch…“