Im Fernsehen läuft „Erlaubte Liebe“. Was gibt es Langweiligeres? Bügeln, Staub wischen, Sport machen? Kochen? Seit heut Morgen hat er vergessen zu essen und mittlerweile ist es Abend. Rauchen hilft, aber jetzt kommt das Gefühl im Bauch zurück. Aufwendig kochen, dafür bleibt keine Zeit, denn es gibt ja noch soviel zu tun. Einmal die Woche, das muss reichen! Spiegelei mit Leberkäs gibt der Kühlschrank her. Also rein damit in die Pfanne, ein bisschen warten und dann essen.
In der neuen Wohnung sollte ja eigentlich alles anders werden. Sich mal Zeit nehmen für Dinge, die ihm allgemein überbewertet erscheinen, Essen unter anderem. Und die neue Wohnung lädt im Gegensatz zu seinen vorherigen auch mal dazu ein. Es gibt eine große Küche mit massiv hölzernem Esszimmertisch, wo auch mehr als zwei Leute Platz haben und einen Balkon. Die Dekoration der Wohnung zeigt zum ersten Mal, dass hier jemand wohnt: Chuck Norris-Poster an der Wand, Überraschungs-Ei-Figuren in der Küche, Sprüche und Notizen an der Kühlschranktür und noch viel anderer Kleinkram ohne jeglichen vordergründigen Gebrauchswert. Hier fühlt er sich zum ersten Mal einigermaßen wohl, seit er zum Studieren von zu Hause ausgezogen ist. Das liegt auch an seinen drei Mitbewohnern, mit denen er sich über mehr unterhalten kann, als wer das nächste Klopapier kauf.
Aber von den Mitbewohnern ist gerade keiner da. Deshalb sitzt er allein am Esszimmertisch. „Das ist schon mal besser als vorm Laptop die Nahrung runterschlingen“, denkt er sich. Aber weil er allein ist und Beschäftigung braucht, muss halt eine der Zeitschriften herhalten, die in der Küche herumliegt: die WirtschaftsWoche. Die war ihm ja schon immer verfeindet. Der Wirtschaftsteil in ner Zeitung wird immer weitergeblättert, weil er sowieso nur langweilt. Und dann ne Zeitschrift nur mit Wirtschaft! „Na ja, die Titelgeschichte „Manager im Gefängnis“ kann man schon lesen!”, sagt er sich und beginnt sich in den Text zu vertiefen. Aber dieses leichte Sympathisieren mit den Anzugträgern geht im dann trotzdem ein bisschen auf den Geist und legt den Artikel mit dem Ende des letzten Stück Leberkäs halbgelesen weg.
Eigentlich wollte er gleich wieder an die Arbeit. Aber die Überreste der letzen Menüs halten ihn davon ab. Mit den guten Vorsätzen will er nicht gleich wieder brechen. Also abwaschen und nicht wieder drei Tage warten! Er schaltet das Küchenradio ein, damit’s nicht so langweilig wird. „Gut, die Sterne!“ Er ist von der Musikauswahl des Senders schwer beeindruckt und wirft die dreckigen Teller und Gläser ins Waschbecken. „Politisch eindeutig links, gesellschaftskritisch und authentisch, genau das Richtige!“ Und dann der Song: Universal Tellerwäscher.
In Musik kann er sich verlieren. Und er kann nicht verstehen, warum manche Menschen sagen „ Das ist nur Musik.“ Und jetzt hat er schon wieder den besten Beweis dafür. Beim Abspülen lauft rein zufällig „Universal Tellerwäscher“. Aber für ihn ist es kein Zufall. „Es gibt eine Verbindung zwischen Musik und Wirklichkeit.“ Wie oft hat er einfach so ein Lied vor sich hingesummt, das alles ausdrückte, was er gerade dachte, auch wenn ihm der Song manchmal gar nicht gefiel. Monatelang hat er einen verflossenen Liebe die Zeile „Mach die Augen zu und küss mich“ von den Ärzten vorgesungen und nicht gecheckt, was es eigentlich bedeutet. Erst im Nachhinein hat er es verstanden. Oder als er beim Spazierengehen keinen Weg über einen Bach fand (ein überaus breiter Bach!). „Can’t find a path through“ hat er einfach so zu trällern begonnen, auch wenn Dave Grohl in Wahrheit was anderes singt. Und genauso wie bei den Foo Fighters damals ist es jetzt bei den Sternen: Der Song taucht nicht ohne Grund auf.
Und so wie der Universal Tellerwäscher fühlt er sich gerade auch: Nichts geht voran, vom System isoliert, so viele Wünsche, aber nichts wird wahr. Resigniert möchte er sich deshalb von nun an nur noch Tellerwäscher nennen. Das „Universal“ lässt er weg, obwohl ihm das Wort eigentlich ganz gut gefällt. “Eigentlich kann ich ja alles und mir fehlt es an nichts. Ich seh nicht zu schlecht aus, bin nicht übergewichtig und dumm bin ich sicherlich auch nicht.”, denkt er sich, also „universal“, aber bemerken will es nur keiner. Also bleibt er für sich der „Universal Tellerwäscher“, für alle anderen ab nur „Tellerwäscher“, er will nicht zu überheblich klingen.
Und so träumt der Tellerwäscher beim Abspülen weiter vor sich hin: Was er alles erreichen könnte, von der Liebe, von einem besseren Leben… einfach von allem, was ihm gerade fehlt. Er merkt gar nicht, dass der Song schon zu Ende ist. Er starrt vor sich hin, schrubbt einen Teller, den nächsten und hört erst auf zu denken, als er nichts mehr in der Spüle findet. „Ja, Tellerwäscher muss man sein“, sagt er und geht in sein Zimmer. „Dann kann man einfach alles abwaschen.“

Gerade in meinem Radio: Universal Tellerwäscher.
Comment by Meg — January 21, 2009 @ 10:35 am