„Wie kann man nur solche Gülle spielen?“ Die ganze Abwascherei macht dem Tellerwäscher keinen Spaß mehr. Und dabei ist er gerade erst mit dem zweiten Teller fertig. Es wartet noch der Rest der vergangenen zwei Tage auf ihn, inklusive dem Geschirr vom heutigen Menü: Spinat mit Spiegelei und Kartoffeln. Der Grund für die ganze Aufregung: Chris Cornell mit “Ground Zero”.
„Wo Fing Das An Und Wann
Was Hat Dich Irritiert
Was Hat Dich Bloß So Ruiniert“ (Die Sterne)
Beginnt er zu singen in der Hoffnung, dass er den Song im Radio einfach ausblenden kann. „Ja, Chris Cornell. Was hat dich bloß so ruiniert? Audioslave war ja schon Durchschnitt, aber eine Kallobo mit Timbaland?“ Er kann das einfach alles nicht verstehen. Soundgarden, die Helden seiner Jugend mit Chris Cornell als Sänger, hat er geliebt. Seine erste Soloplatte auch noch. Aber warum er jetzt nur noch unterirdische Musik macht, kann er absolut nicht verstehen: „Wo bleibt der Punk? Das ist doch alles Radio-Pop.“
Vor ein paar Tagen war er beim Konzert der Blood Red Shoes. Das hatte noch Punk. Die Sängerin Laura hat noch dem dritten Song die Gitarre in die Ecke geworfen und ist von der Bühne gestürmt. Nach einer halben Stunde ging’s weiter, mit dem gleichen Desinteresse in ihrem Gesicht. Als schließlich einer im Publikum rief „Laura, please smile!“ war’s bei ihr endgültig aus. Warum stehe sie denn auf der Bühne? Nur um gut auszusehen? Sie beschimpft das Publikum als „fucking cunts“, läuft von der Bühne, das Konzert ist aus.
„Alles für die Musik machen. Sein eigenes Ding durchziehen. Zu seinen Gefühlen stehen, auch wenn man gerade auf der Bühne steht.“ In den Augen des Tellerwäschers geht diese Kompromisslosigkeit anscheinend mit der Zeit verloren. Was ist denn mit seiner anderen Jugendliebe Pearl Jam, allen voran Sänger Eddie Vedder? Die machen doch auch nur noch Konsens-Rock getarnt unter Bush-Kritik. „Aber wie konnt’s nur soweit kommen? Was hat euch bloß so ruiniert, Chris und Eddie?“, fragt er sich, während im Radio Chris Cornell immer noch „eh - eh“ vor sich hinstöhnt.
„Sie sind einfach zu glücklich geworden.“, ist die Antwort für den Tellerwäscher. Eddie Vedder war jahrelang mit seiner Jugendliebe zusammen. Und auch als er berühmt wurde, hat er zu ihr gestanden. „Sie war sein strengster Kritiker, wenn es um neue Songs von ihm ging“, hat Ed mal über seine Freundin gesagt, die selbst ziemlich „alternative“ Musik machen soll. Jetzt ist Ed mit einem Supermodel verheiratet und hat sein erstes Kind. Bei Chris Cornell dasselbe. Ewig mit der Managerin von Soundgarden, Susan Silver, zusammen und jetzt Kind mit ner anderen. Wie soll man denn da noch gute Musik schreiben geschweige denn etwas zu sagen haben? „Die machen doch nur noch Musik, weil es immer noch ihr Hobby ist“, sagt er sich. Aber das reicht nicht. Unglücklich muss man sein, sich über etwas aufregen, dann kann Großes entstehen. Das hat sogar Jon Bon Jovi gemerkt, obwohl der niemals gute Musik gemacht hat. „Like a poet needs the pain“, singt er in „In These Arms“ und hat damit vollkommen Recht.
Darum hat sich der Tellerwäscher in seiner letzten Beziehung auch schon mal die Frage gestellt, ob er denn lieber glücklich oder unglücklich sein will. Seit er mit seiner Freundin zusammen war, konnte er nicht mehr produktiv sein, ihm viel nichts mehr ein. Als er vorher noch wegen ihr Liebeskummer hatte, da sprudelt es nur so aus ihm raus. Und als sie dann Schluss machte, dann schrieb er, nachdem ihm über ein Jahr lang nichts eingefallen war, auf einmal zwei Songs. „Einsamkeit schreibt große Songs“, das hat auch Chris Cornell zu Soundgarden-Zeiten erkannt. Aber was soll der Tellerwäscher machen? Und was sollen überhaupt alle Künstler machen? Unglücklich sein und gute Musik? Glücklich sein und schlechte Musik?
Und Sean Paul, der gleich nach Chris im Radio läuft, ist für den Tellerwäscher der beste Beweis dafür: „Auf so nen Scheiß kann man nur kommen, wenn man zufrieden ist und wahrscheinlich jeden Abend ne andere Tussi abschleppt. Da bleibt ja auch gar keine Zeit mehr für Musik. Da stöbselt man einfach was zusammen, was einem spontan einfällt, damit man seinen Status und den Kontostand halten kann. So läuft das!”
Der Einzige seiner alten Helden, der ihm treu geblieben ist, ist Thom Yorke. Radioheads „All I Need“ kann nur ein nicht allzu glücklicher Mensch geschrieben haben. Und Thom Yorke macht beim besten Willen keinen allzu glücklichen Eindruck, auch wenn er wie Chris und Eddie mittlerweile auch Frau und Kind hat.
Aber was soll der Tellerwäscher denn machen? Lieber Sean Paul mit seinen Frauen sein oder Thom Yorke mit der großen Musik? „Auf jeden Fall lieber Thom Yorke“ beschließt er sofort und schämt sich, dass er überhaupt nur einen Moment über die Frage nachgedacht hat. Aus Frust stellt er gleich das Radio ab, wo noch immer Sean Paul darüber singt, dass er richtigen Taktiken besitzt Frauen „anzuturnen“. Außerdem will er ja die Sean-Paul-Tussis gar nicht. Er will eine, die ihn versteht in seiner Unverstandenheit von der Welt, und wäscht weiter das Geschirr.

Ach wie wunderbar dieser Text nur ist. Gut dass du dich entschieden hast Thom Yorke zu bleiben. Träumer sind die Guten. Und die Unverstandenen die Besten.
Vielleicht muss man auch gar nicht unglücklich werden, um produktiv zu sein. Vielleicht reicht es auch aus, wenn man sich die tiefe Sehnsucht, die in einem steckt, erhält und sie immer wieder ausgräbt. Und während ich mir noch mal “All I Need” anhöre, denke ich, dass Thom Yorke vielleicht gar nicht so unglücklich ist, sondern einfach nur in seiner eigenen Welt lebt - und in dieser auch ziemlich glücklich ist.
“Die Ungewißheit ist es, die uns reizt. Ein Nebel macht die Dinge wunderschön.”
Comment by Meg — January 14, 2009 @ 10:55 pm